Arequipa, Peru. Der nächste Tag. Kaum waren die Knochen vom Aufstiegsversuch am Chachani halbwegs sortiert, stand schon der nächste Gipfel auf dem Plan: der Vulkan Misti. Mit seinen 5.822 Metern gilt er unter Bergsteigern als „Trekkingberg“ – leicht zu begehen, technisch angeblich unkompliziert. Ein fataler Irrglaube, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn am Gipfel warteten alpine Gefahren, mit denen keiner von uns gerechnet hatte. Doch von Anfang an.
Das Abenteuer begann nachts um eins. Ein Taxi brachte uns ein kurzes Stück aus der Stadt heraus, bis die Straße im Nichts endete. Ab hier hieß es: laufen. Kilometerweit über eine staubige Schotterpiste, bevor sich der Pfad steil nach oben neigte. Erst durch karges Gebüsch, dann hinein in steile Geröll- und Steinfelder. Stein für Stein mussten wir hochkraxeln. Hier machte sich das harte Treppensteig-Training der letzten Monate bezahlt – und jede Faser meines Körpers wurde gebraucht.

Wenn die Kälte die Luft abschnürt
Gegen 5:30 Uhr ging endlich die Sonne auf. Ein magischer Moment, der uns kurz die Strapazen vergessen ließ. Zum Glück war es fast windstill und so saß uns nur die Kälte im Nacken. Bei etwa -10 °C hieß es: dick einpacken weiterlaufen.
Doch je höher wir stiegen, desto dünner wurde die Luft. Jede Bewegung kostete die dreifache Kraft. Auf 5.200 Metern dann das Dejavu: Torsten war erschöpft. Sein Körper streikte, er musste umkehren. Ab jetzt war ich wieder auf mich allein gestellt. Solo gegen den Vulkan.
Und als wäre die dünne Luft nicht schon genug, kündigte sich kurz darauf die nächste Herausforderung an.
Der doppelte Sohlen-Abriss
Mitten im Aufstieg spürte ich es plötzlich: Die Sohle meines linken Schuhs löste sich komplett ab. Mitten am Berg, tausende Meter über dem Meeresspiegel, ohne Ersatzschuhe. Aufgeben? Keine Option. Ich improvisierte, nahm die Schnur meines Beutels, knotete sie mit den Schnürsenkeln zusammen und band die Sohle notdürftig am Schuh fest.
Es kam, wie es kommen musste: Kurz vor dem Gipfel verabschiedete sich auch die Sohle des zweiten Schuhs. Also hieß es wieder: binden, knoten, hoffen. Mit zwei provisorisch festgebundenen Sohlen stapfte ich weiter durch das unwegsame Geröllfeld, wohl wissend, dass ich die Konstruktion alle paar Meter nachspannen und neu fixieren musste.
Doch das war noch nicht die größte Gefahr.

Nervenkitzel kurz vor dem Ziel
Kurz vor dem Gipfel wurde es richtig brenzlig. Der eigentliche Pfad war komplett unter alten Schnee- und Eisflächen begraben. Die Stellen waren steinhart gefroren. Ohne Steigeisen – die ich eigentlich dringend gebraucht hätte – gab es hier keinen Halt. Somit musste ich die Eisflächen umlaufen. Ein einziger Ausrutscher an diesen vereisten Hängen hätte den sicheren Absturz in die Tiefe bedeutet. Mein Geist war müde, der Körper extrem schwach von der dünnen Luft. Hier oben war absolut kein Platz für Unkonzentriertheit. Jeder einzelne Schritt musste sitzen.
Um Punkt 16:00 Uhr stand ich endlich allein auf dem Gipfel. Was für ein Anblick! Ein wunderschöner, majestätischer Vulkan mit einem Krater, der mir den Atem raubte. So etwas Schönes habe ich bisher nur einmal in meinem Leben am Cotopaxi (5897 m) in Ecuador gesehen.


Der zähe Rückweg
Nach 14 Stunden reinem Aufstieg war an Ausruhen nicht zu denken. Der Abstieg mit den kaputten Schuhen wurde zu einer endlosen Schinderei. Erst um 23:00 Uhr nachts erreichte ich völlig erschöpft wieder das Auto.
Insgesamt war ich 20 Stunden am Stück auf den Beinen. 3.000 Höhenmeter und unzählige, zähe Kilometer lagen hinter mir. Eine absolute Grenzerfahrung, die mich an meine körperlichen und mentalen Limits gebracht hat.
Wir hatten es tatsächlich geschafft. Zwei extreme Berge in kürzester Zeit.
Mit diesen Erfolgsnachrichten sende ich viele Grüße aus Peru,
Euer Frank

Der MDR begleitet mich auf meiner Everest & Lhotse Mission.
Hier kannst du einen Beitrag dazu ansehen.


